Wie der Narwal entstanden ist (Polar-Eskimo)

Vor vielen, vielen Jahren, so erzählt man sich, lebte einst eine alte Frau mit ihren Enkelkindern ganz allein in einem sonst verlassenen Dorfe. Alle Bewohner waren fortgewandert und hatten die alte Frau mit den Kindern allein zurückgelassen. Niemand war da, der sich um sie kümmerte, ihnen von der Jagdbeute abgeben oder sie beschützen konnte.

Die beiden Kinder, ein Junge und ein Mädchen, waren zu jung, um zur Arbeit zu taugen und der Junge war außerdem völlig blind. So konnte er nicht einmal zum Fischen gehen und war den anderen beiden eine ewige Last.

Eines Tages geschah es, dass ein großer Bär sich zwischen die verlassenen Hütten verirrte und schließlich vor dem Eingang zu der einzigen bewohnten Behausung stehenblieb, um zu sehen, woher denn der seltsame Geruch der Menschen wohl kommen mochte. Die alte Frau rief den blinden Jungen herbei und sprach: »Da ist ein Bär vor dem Hause, versuche ihn zu erlegen. Du sollst den Bogen spannen und ich will für Dich zielen.«

Der Junge war einverstanden, denn er wusste wohl, dass nur ein Mann einen Bären erlegen durfte. Auf das Zeichen der Großmutter hin ließ er den Pfeil von der Sehne fliegen und hörte, wie dieser gleich darauf irgendwo auftraf. Da war er überzeugt, dass er den Bären getroffen hatte. Die Alte aber sagte zu ihm: »Du bist auch zu nichts zu gebrauchen. Jetzt hast Du ein Loch in die Hüttenwand geschossen.«

Dabei zog sie das Mädchen vor die Hütte und flüsterte: »Hilf mir den Bären ein Stück fortzuschaffen. Dein Bruder braucht nicht zu wissen, dass wir jetzt etwas zu essen haben. Er ist ja doch nur ein überflüssiger Mund, der niemals wird auf die Jagd gehen können, aber immer zu essen haben will. Wir wollen den Bären dort drüben in den Schnee legen und abhäuten. Sag Deinem Bruder nichts davon.«

Nachdem die beiden die Beute mühsam an die bezeichnete Stelle geschleift hatten, machte sich die Alte daran, den Bären zu zerwirken. Das Mädchen aber ging zurück in die Hütte, legte ihren Mund an das Ohr des Bruder und flüsterte leise: »Du hast einen Bären erschossen, aber ich soll Dir nichts davon erzählen, denn Du sollst nichts zu essen haben.« Da wusste der Junge, dass ihn die Alte verhungern lassen wollte.

Jedesmal aber, wenn das Mädchen und die Frau aus der Hütte verschwanden, um sich draußen von der Beute eine Mahlzeit zu bereiten, band das Mädchen sich die Felljacke unten zu. Während des Essens ließ sie dann Fleischbrocken verschwinden. Obgleich die Alte sich nicht erklären konnte, woher das Kind mit einem Male einen solchen Hunger haben mochte, kam sie nie darauf, dass die Schwester dem Bruder heimlich Fleisch zusteckte.

Eines Tages sprach der Blinde zu seiner Schwester: »Führe mich hinunter ans Seeufer, denn ich will Wasser trinken.« Die Schwester nahm den Bruder bei der Hand, trat mit ihm vor die Hütte und wollte ihn zum Ufer führen, als der Junge mit einem Male sagte: »Dort am Ufer sollst Du mich allein lassen und hierher zurückkehren. Auf dem Rückweg aber setze ab und zu ein paar Steinbrocken aufeinander, so wie es die Jäger tun, die in der Tundra den Karibus nachstellen. Dann werde ich den Weg nicht verfehlen.«

Die Schwester ließ den blinden Bruder am Ufer zurück und machte sich auf den Heimweg. Den Rückweg aber bezeichnete sie mit kleinen Steinhaufen, wie sie sie früher einmal gesehen hatte. Damals war sie mit ihren Eltern einer solchen Reihe gefolgt, die wie schweigende Wichte in der Unendlichkeit standen und den Jägern den Weg wiesen.

Der Blinde saß allein am Seeufer und lauschte über das Wasser. Da hörte er mit einem Male ein sausendes Geräusch wie von einem großen Vogel. Gleich darauf redete ihn das Tier mit menschlicher Stimme an: »Setze Dich auf meinen Rücken und halte Dich an meinem Halse fest. Drück aber nicht zu sehr, damit Du mich nicht erwürgst. Wenn Du loslässt, bist Du verloren.«

Der Junge bestieg den unbekannten Vogel, klammerte sich mit aller Kraft fest und gab dabei acht, den freundlichen Helfer nicht zu sehr zu belästigen. In sausender Fahrt erhob sich das Tier in die Lüfte, um darauf mitten im See tief ins Wasser zu tauchen. Lange Zeit blieb der Blinde unter Wasser, und die Luft drohte ihm auszugehen. Schon wollte er loslassen, da erinnerte er sich der Warnung und hielt fest, so gut er konnte. Endlich tauchte der Vogel wieder auf und fragte den Jungen: »Nun, wie geht es Dir?« Der Junge antwortete sogleich: »Besser, als ich gedacht habe, als ich dort unten war.«
Darauf tauchte der Vogel zum zweiten Male. Wieder bleiben beide lange Zeit unter Wasser und als sie schließlich auftauchten, fragte der Vogel: »Nun, wie geht es Dir?« Erstaunt rief der Blinde: »Ich sehe einen Lichtschimmer!« Da tauchte der Vogel zum dritten Male. Wieder kam er an die Oberfläche und stellte seine Frage. Diesmal konnte der Junge bereits Himmel und Erde unterscheiden. Beim vierten Male jedoch war der Blinde von seiner Krankheit geheilt. Der Zaubervogel, der dem Jungen sein Augenlicht wiedergegeben hatte, setzte ihn genau an der gleichen Stelle ab, an der die Schwester ihn verlassen hatte. Beim Abschied sagte er: »Nun, da Du sehend geworden bist, will ich Dir helfen, ein großer Jäger zu werden. Aber Du darfst niemanden sagen, wen Du getroffen hast.« Damit verschwand der Vogel mit schwerem Flügelschlag über dem See.

Der Junge konnte sich kaum zurechtfinden in dieser neuen Welt des Lichtes. Staunend betrachtete er den glitzernden Schnee, blickte in den blauen Himmel, der in der unendlichen Weite eins wurde mit der Tundra, schaute auf die sich türmenden Eisschollen am Ufer und sah gleich darauf die kleinen Steinhaufen, die sich vom Ufer fort in der Einsamkeit zu verlieren schienen. Da machte er sich zurück auf den Weg ins Dorf.

Nachdem er den Steinhaufen eine Weile gefolgt war, erblickte er plötzlich in einer Senke einige Hütten. Da wusste er, dass er das verlassene Dorf erreicht hatte. Vor einem der Häuser war ein großes Bärenfell ausgespannt. Nun war der Junge sicher, dass ihn die Alte betrogen hatte. Als er die Hütte betrat, hockte die Alte vor der Steinlampe, die zum Kochen diente. Von Walöl genährt, flackerte die Flamme unruhig im Luftzug.
»Ein schönes Fell hängt draußen vor der Hütte«, begrüßte er die alte Frau. Aber diese wollte auch jetzt noch nicht mit der Wahrheit heraus und versuchte sich mit einer Lüge aus der Schlinge zu ziehen. »Oh, das ist ein altes Fell, das einer von den Männern zurückgelassen hat.« Der Junge wusste aber nur zu gut, dass sie ihn belog.

Täglich ging er nun auf die Jagd, erlegte an der Drifteiskante Robben, schoss sogar einen Bären, der die Vorratsgerüste zu plündern kam, und hatte in allem, was er anfing, Erfolg. Immer war aber die Schwester bei ihm, hielt das Ende der Harpunenleine, wie es eben ein guter Jagdgefährte tut, und erhielt als Gegenleistung einen Teil der Beute. Der Alten aber gaben die beiden auch nicht einen Brocken zur Strafe für die schlechte Behandlung. Eines Tages kamen die beiden Jäger mit einem Weißwal zurück, den der Junge vom Kajak aus erlegt hatte. Voll Neid schaute die Alte zu, wie die beiden die Beute durch den Schnee schleiften, um das Tier auf dem Vorratsgestell durchfrieren zu lassen. Da bat sie, doch auch einmal mit hinausfahren zu dürfen, denn auch sie habe großen Appetit auf Walfleisch. Der Junge willigte ein, denn schon lange hatte er sich einen Plan zurechtgemacht, um die Alte ein für allemal für ihre Tücke zu bestrafen.

Wieder fuhr er im Kajak hinaus aufs Meer, diesmal jedoch saß im Boot hinter ihm die alte Frau. Plötzlich tauchte neben ihnen eine Anzahl von Weißwalen auf. Aufgeregt rief die Alte: »Sieh dort! Solch gute Beute!« Flink warf der Junge die schwere Harpune, traf eines der Tiere und begann die Leine einzuholen. Lange wehrte sich der Wal, aber schließlich ließ er sich an die Küste schleppen, wo er aufs Eis gezogen wurde. Wiederum fuhren die beiden hinaus. Diesmal sollte die böse Alte das Ende der Harpunenleine halten, zu diesem Zweck hatte der Junge ihr das Leinenende ans Bein gebunden, wie es die Jäger tun. »Da kannst Du sie immer finden und schnell greifen, auch wenn Du Handschuhe anhast!« hatte er dabei gesagt.

Immer weiter steuerte er den Kajak hinaus aufs Meer und bald war die Eiskante im Dunst verschwunden. Mit großer Geschicklichkeit lenkte der Jäger das Boot, während die Alte sich furchtsam festhielt, wenn der Kajak von den Wellen hochgeschleudert wurde. Da tauchte nicht weit entfernt ein Wal auf und der Junge hielt sogleich auf die Stelle zu. Ehe die Alte wusste, was vorging, hatte der Jäger die Harpune in den Rücken des Wales geschleudert, der sogleich zu tauchen begann. Die böse Alte hatte nicht die Kraft, die Leine zu halten, sondern wurde von der tauchenden Beute aus dem Kajak gezogen und verschwand in den Wellen. Ein paarmal tauchte der Kopf noch auf, und der Junge hörte sie nach einem Messer schreien. Als sie aber zum letzten Male an der Oberfläche erschien, war sie in einen Narwal verwandelt worden. Zum Zeichen ihrer Bosheit muss sie von nun an einen mächtigen Zahn tragen, der allen anzeigt, wie böse und gefährlich sie ist.

Der Junge kehrte zurück ins Dorf zu seiner Schwester. Gemeinsam machten sie sich am nächsten Tag auf, Menschen zu finden, bei denen sie wohnen konnten, denn jeder Dörfler ist froh, wenn ein großer Jäger sich bei ihnen niederlässt.

(Aus: "Nordamerikanische Indianermärchen")

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