Das Abenteuer mit dem Walfisch

Es sieht fast so aus, als hätten der Kojote und das Kaninchen die meisten Abenteuer im Indianerland bestanden. Aber es gibt noch einen dritten dort im Westen, nämlich den Raben, von dem so manche tolle Geschichte erzählt wird. So zum Beispiel sein Erlebnis mit dem Walfisch.

Den Raben gelüstete es schon lange nach Walfischschnitzeln, aber wie hätte er es mit dem Riesen aller Riesen aufnehmen können?

Bevor ich ihn töte, muss ich ihn erst fesseln, dachte er eines Tages und freute sich über seinen Einfall. Darauf flog er in die Prärie-, lieh sich ein langes, dickes Seil und lauerte, bis der Walfisch ans Festland heranschwimmen würde. Es ging schon auf den Mittag zu, als der Koloss endlich auftauchte. Länger als der längste Baum und über und über mit Moos bewachsen, schnaubte er, dass die Felsen dröhnten. Der Rabe ergriff das Lasso, schwenkte es über seinem Kopf, und schon zappelte der Wal in der Schlinge.

Aber der Rabe hatte die Kraft seines Gegners unterschätzt. Ehe er es sich versah, hatte ihn der Riese an sich gezogen. Er sperrte sein Maul auf und verschlang ihn mitsamt dem Lasso. Wie finster es hier ist, dachte dar Rabe verdutzt und tastete und tappte in den Eingeweiden das Walfisches hin und her wie in einem Labyrinth. "Ich muss ein Feuer anmachen", sagte er und sah sich suchend um. Es war ihm, als sei er in einer schwarzen Höhle, deren Wände sich abwechselnd einander näherten und wieder entfernten, während sich in der Mitte ein riesiger Felsblock hob und senkte, hob und senkte...

Was mag das sein? Der Rabe hüpfte näher und hackte auf den seltsamen Block mit seinem Schnabel ein.

"Uff!" brüllte der Wal mit schrecklicher Stimme. "Lass mein Herz in Ruh, lass mein Herz in Ruh!"

Aha, dachte der Rabe und hackte so lange, bis das Herz stillstand.

"Uh - uh", ächzte der Wal und wälzte sich mit dem Bauch nach oben. Der Rabe machte einen unfreiwilligen Purzelbaum, und das Feuer erlosch.

Jetzt habe ich gewonnen! frohlockte der Rabe. Aber seine Freude war bald dahin. Wie sollte er aus dem Bauche des Wals herauskommen?

"Kräh, kräh", rief er, in der Hoffnung, von jemandem gehört zu werden, und fügte auch noch ein indianisches Wort hinzu.

Er hatte Glück. Am Strande spielten Kinder, und als sie den großen Walfisch sahen, rannten sie so schnell sie konnten ins Dorf, um das Ereignis zu melden. Eine Weile später erschienen Leute mit Speeren und Messern. Der Rabe hörte sie sprechen. Bald konnte er auch noch andere Geräusche hören: Die Indianer zogen von dem Walfisch lange Fettstreifen ab.

Dann drang ein Speer in das Innere. Der Vogel wartete ab, bis die Öffnung groß genug war, flatterte den verblüfften Männern unter den Händen weg, flog in den nahen Wald und ließ sich auf dem Ast einer Kiefer nieder.

"Wie komme ich dazu", schimpfte er vor sich hin, "ich habe ihn gefangen, und sie werden ihn essen! Kräh, kräh, dagegen muss etwas getan werden." Er hüpfte von seinem Ast, trug einen Haufen Gras und Moos zusammen, klebte sich Haare und einen langen Bart an und vermummte sich, dass er wie ein alter Zauberer aussah. Dann nahm er noch einen Stab in die Hand und humpelte dem Dorfe zu.

Er klopfte an die erste Hütte. "Ich bin ein mächtiger Schamane aus den Bergen", sagte er, nachdem er eingetreten war. "Gute Geister haben mir verkündet, dass euch große Gefahr droht. Ich bin gekommen, euch zu warnen." "Was ist das für eine Gefahr?" fragte ein junger Krieger, der dem Eingang zunächst saß.

"Der tote Walfisch bedeutet, dass ihr alle sterben müsst", antwortete der als Zauberer verkleidete Rabe. "Steigt schleunigst in eure Boote und fahrt aufs weite Meer hinaus. Nur dort seid ihr sicher vor ihm. Wer aber dableibt, der..." er senkte den Kopf, als lausche er den Stimmen unsichtbarer Geister, "...der ist verloren, denn hier hängt der Tod in der Luft. Wem sein Leben lieb ist, der fliehe."

Die Indianer ließen sich das nicht zweimal sagen. Die schreckliche Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer im Dorf verbreitet, und kurz daraufschwammen die Boote bereits weit draußen auf dem Meer.

Der Rabe hatte, während sie sich zur Abfahrt bereitmachten, vor dem toten Walfisch gestanden und über ihm seinen Zauberstab geschwungen, als wolle er den Tod vertreiben.

Erst als die Indianer am Horizont verschwunden waren, ließ er die Maske fallen. Seine Äuglein wanderten entzückt über den riesigen Fleischberg und suchten die schmackhaftesten Stücke. Dabei krächzte er den Flüchtlingen ein keckes Liedchen nach:
"Kräh, kräh, kräh, der Rabe, der bleibt da!"

(unbekannte Herkunft)

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